Übernahme von mySugr – Ein Kommentar von Manuel Ickrath

Übernahme von mySugr – Ein Kommentar von Manuel Ickrath

„Es war wohl keine allzu große Überraschung, als am 30.6. die komplette Übernahme von mySugr, der wohl führenden Patienten-Plattform für digitales Diabetesmanagement durch Roche Diabetes Care gemeldet wurde! Zu lange schon haben beide Partner eng kooperiert und der Roche Venture Fund unterstützte mySugr seit 2014. Nur der Zeitpunkt ist bemerkenswert und es gab wohl einen Bieterwettbewerb, der zeigt, dass die Zeit reif war für die Übernahme.

Alles scheint zu passen. Die Gründer von mySugr sehen ihr Werk gekrönt und können sich sicherlich über einen schönen Übernahmeerlös freuen. Für Roche bewahrheitet sich die Prophezeiung auch aus 2014, als der Spiegel schon den Silicon Valley-Guru und Investor Marc Andreessen mit der schmissigen Bemerkung zitierte: Software kills Hardware. Die neue industrielle Revolution, genannt Digitalisierung, ersetzt immer mehr Maschinen durch Software – Software verdrängt Hardware. Das Know-how, das sich mySugr in relativ kurzer Zeit aufgebaut hat, konkretisiert sich genau in dieser Software-Kompetenz, die Roche viel leichter einkaufen kann als sie im eigenen Unternehmen langsam aufzubauen. mySugr soll juristisch eigenständig bleiben und es bleibt zu hoffen, dass die Start-up-Kreativität auch im Konzern erhalten wird!

Die jüngsten Nachrichten aus dem Hause Roche Diabetes Care fügen sich zusammen wie in einem Kaleidoskop: Erst gibt die Unternehmensführung ein klares Bekenntnis zum Diabetesgeschäft ab, dann wird die Digitalisierung als hohe Priorität mit dem Anspruch, hier nicht nur Marktführer (in Deutschland), sondern auch Meinungsführer zu sein, definiert. Dann wird auf der Frühjahrstagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft die erste offene Plattform mit Smart Pix 3.0 angekündigt – ein großer Schritt in Richtung Interoperabilität und Konnektivität bei Diabetologe und Hausarzt. Und nun der Erwerb von MySugr – auch dies eine offene Plattform, die keinen Nutzer ausschließt und der andere Systeme weiternutzen will.

Bei aller Begeisterung stört mich etwas allerdings schon seit längerem: die Gründer sprechen auch in der Pressemitteilung von inzwischen mehr als einer Million loyaler Nutzer. Man kann davon ausgehen, dass bei der üblichen Due Diligence-Prüfung im Vorfeld der Übernahme durch Roche auch diese Behauptung verifiziert worden ist. Insofern ist Zweifel an dieser erstaunlich hohen Zahl nicht angebracht.

Dennoch bleibt zu hoffen, dass wenigstens Roche nun auch in der öffentlichen Darstellung von mySugr ein wesentliches Prinzip der Digitalisierung – die Transparenz – nicht hintenanstellt. Wie viele Nutzer hat mySugr wirklich? Wie viele Typ-1-Diabetiker, wie viele haben Typ-2-Diabetes? Wieviel in Deutschland, Österreich, USA? Wie lange verweilen die Nutzer, wie viele öffnen den Newsletter, wie aktiv sind die einmal angemeldeten User, was heißt im medientechnischen Sinn hier „loyaler Nutzer“? Eine Anmeldung der Plattform bei der AGOF, dem führenden Institut für standardisierte Messung von Online-Reichweitennutzung, z.B. wäre nicht die schlechteste Idee.

 

Manuel Ickrath, Wiesbaden, am 5.7.2017

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