Silke

 

Seit 12 Jahren bin ich Zwillingsmutter und seit über 10 Jahren Typ F Diabetikerin. Als meiner Tochter im Alter von 18 Monaten die Diagnose Diabetes Typ 1 gestellt wurde, kannte ich den Begriff noch nicht. Ich war einfach die Mutter eines verdammt kranken Kindes. So habe ich mich gefühlt. In der ersten Nacht, die ich neben ihr am Krankenbett verbrachte, machte ich mir klar, dass unser bisheriges Leben sich ändern würde. Was nun kommen sollte, konnte ich mir nicht vorstellen.

Die letzten 10 Jahre waren kein Spaziergang. Ich bin viele Nächte aufgestanden, um den Blutzucker um 1.00 Uhr und dann vielleicht noch mal um 4.00 Uhr zu korrigieren. Ich war immer müde, zeitweise echt erschöpft. Regelmäßig dieses Rätselraten, warum Blutzuckerwerte nun schon wieder komplett daneben lagen. Dann die Angst, dass mein Kind unterzuckert und einfach umkippt, weil sich wohl kaum ein Kleinkind über die Befindlichkeit kompetent ausdrücken kann. Und klar! Besonders ätzend, das Insulin mehrmals am Tag injizieren und später dann die Katheter Versorgung übernehmen. Schwer war es auch manchmal die Aufmerksamkeit für beide Kinder in gleichem Maß zu leben. Der Diabetes war manchmal so aufwendig wie ein drittes Kind. Aber ich habe durchgehalten. Tatsächlich wächst man mit den Herausforderungen. Das ist kein Spruch, das ist einfach so. Was bleibt einem auch anderes über. Aufgeben gab es nicht. Durch die Erkrankung habe ich gelernt, nur die Erfolge zu sehen.

Die Devise lautet: Das bekommen wir schon wieder! Hoher Blutzucker: den korrigieren wir runter. Verständnislose Lehrerin: Das sitzen wir aus, kommen andere. Die Mutter verzichtet aufs Ausgehen: Egal, Alkohol ist sowieso ungesund. Katheter rausgerissen: Ach, je öfter er neu gemacht wird, umso besser! Unterzucker und kein Traubenzucker dabei: Blöde Sachen, da kommen wir ganz schnell mit den anderen Parkbesuchern in Kontakt! Der HbA1c ist auf 7,8: Sehr schade – wenigstens ist er nicht auf 8,5. Doofe Eltern laden nur den anderen Zwilling zum Übernachten ein: Ach, dann machen wir eben mal was Schickes zu zweit.

Wegen des Diabetes meiner Tochter habe ich sicher auf Vieles verzichtet. Aber es ist müßig, das alles aufzuzählen, und dem Verlorenen, nicht Gemachten, nicht Erlebten nachzutrauern. Was ich dazugewonnen habe: Ungewollt bin ich zum Diabetes-Experten geworden, es macht mir sogar manchmal richtig Spaß, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Mein Hobby ist, sagen wir es mal scherzhaft, Arzt. Unseren Familienzusammenhalt empfinde ich als groß. Ich bin wesentlich ordentlicher geworden, hamstere Traubenzucker und Haribos im Schrank und es gibt bei uns regelmäßige, ausgewogene Mahlzeiten. Und manchmal bade ich im Lob bestürzter Eltern aus dem Freundeskreis, die sich wundern: „Wie schaffst du das nur!“ Ist ja auch mal ganz nett!

Jetzt nach 10 Jahren, die ich als eine Unterart der Gattung Helikoptermutter verbracht habe, bin ich dabei zu lernen, meine Tochter nach und nach loszulassen. Sie soll ja groß werden. So wie alle anderen Mädchen in ihrem Alter auch. Abgesehen von ein paar kleineren Einbrüchen klappt dies auch ganz gut. Vielleicht ist mein Gefühl als Mutter Verantwortung zu haben, doch etwas krasser, als bei Eltern von unbelasteten Kindern. Ich will es gut machen und mein Kind, wenn es 18 geworden ist, in ein gesundes Leben entlassen. Denn dann hat sie ja schon 16 Jahre und 6 Monate Diabetes. Das klappt sicher. Ich bin da sehr zuversichtlich!

1 Kommentar

  1. Wehlmann sagt:

    Das ist ein wirklich eindrucksvoller Bericht.Ich habe größte Hochachtung vor so einer Lebensleistung getreu dem Motto: „Alles wird gut und was noch nicht gut ist,ist auch noch nicht zu Ende“

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